Zentsuji

Heute war mal wieder ein Glückstag. Ich wollte heute Morgen den ersten Teil der Strecke mit dem Zug zurücklegen und dann wieder fleißig laufen. Also bin ich zeitig los zum Bahnhof und war fast eine halbe Stunde vor der Abfahrt des geplanten Zuges schon am Bahnhof. In dem Moment, wie ich ankomme, fährt ein Zug ein, der in meine Richtung fahren würde. Ein Blick auf den Fahrplan zeigt, dass er in 3 Minuten losfahren wird. Ganz schnell das Ticket am Automaten gekauft und raus auf den Bahnsteig. Versuchen kann ich es ja, ob ich ihn noch erwischen kann. Wenn nicht, ist es auch nicht schlimm, dann kaufe ich mir einen heißen Milchkaffee (natürlich aus einem anderen Automaten) und warte auf den Zug, mit dem ich eigentlich fahren wollte und genieße den strahlenden Sonnenschein des frühen Morgens. Aber ich war pünktlich auf dem Bahnsteig und durfte also mitfahren. Die gleiche Idee mit der Zugfahrt hatten auch wieder einige andere Pilger, die dann später an der gleichen Station wie ich ausstiegen. Offensichtlich ist bei vielen nach der langen Strecke die Luft raus, bzw. haben auch sie keine Lust mehr, lange Strecken am Straßenrand zurückzulegen.

Und dann, oh Wunder, geht es durch ländliches Gebiet.

Später wird sich wieder herausstellen, dass ich mich nur an einem Stadtrand befinde. Die Stadt selbst ist etwa so groß wie Gera.

Was meint ihr wohl, wo ging es als Nächstes hin? Richtig! Tempel.

Das war wieder ein tolles Ding! Er schmiegte sich über mehrere Etagen an einen Felsen an. Um zu ihm zu kommen, musste ich erst mal wieder zwei Kilometer den Berg hinauf, und dann ging es noch über diverse Treppen hin und her und rauf und runter. Trotzdem toll! Ich habe überhaupt das Gefühl, seit ich in der Präfektur Kagawa bin, gibt es nur noch tolle Tempel. Tempel 66 war der erste davon. Und das sollte sich heute auch nicht ändern.

Nach dem Besuch des Tempels ging es weiter, mal wieder durch den Wald! Hier sieht es noch sehr gemütlich aus, aber das dicke Ende kam bald. Man weiß es ja, wenn man den Berg hinauf geht, muss man auch irgendwann wieder herunter. Aber so steil? Das war nicht wirklich gut! Das geht auf die Knochen. Und Dank des noch nassen Bodens vom Regen der letzten Tage war es auch noch recht schlammig und glatt. Bin aber heil runter gekommen und im nächsten Tempel die Kirschblüte in der allerschönsten Pracht erlebt.

Hier habe ich auch eine junge Frau aus Tschechien wiedergetroffen, der ich am Anfang der Reise ein paarmal begegnet bin. Sie studiert hier und hat sich jetzt mit ihrer Studienkollegin getroffen. Diese ist übrigens aus Edinburgh und studiert genau wie sie „Japanisch“. Diese wusste zu berichten, dass die berühmte Kirschblüte in Kyoto längst nicht so schön wäre, wie diese hier. Außerdem sei die Stadt voller Touristen, die genau aus diesem Grund in der Stadt wären.

Dann sind die Mädels auf und davon, da deren Zeit drängte.

Ich bin dann in Ruhe weiter, da mein Etappenziel in nur noch 4 Kilometern Entfernung war. Vorher noch einem kleinen, unscheinbaren Tempel einen Besuch abgestattet nachdem ich erst mal in die falsche Richtung gelaufen war. Das hat man davon, wenn man nur der Ausschilderung folgt.

Auf dem Weg zum Tempel 74, in dessen Nähe ich heute übernachte, sah ich sehr, sehr viele Autos Parken. Auf der Straße war Stau und die Polizei regelte den Verkehr. Dann sah ich den Grund dafür. In bestimmt noch 1,5 Kilometer Entfernung war ein Park mit blühenden Kirschbäumen. Da wollen die alle hin! Da soll heute die Party stattfinden! Ich glaube aber, daraus wird nicht so richtig was werden, denn der Himmel trübt sich langsam ein.

Tempel 74 erreiche ich gegen halb 3 Uhr. Tempel 75 ist in knapp zwei Kilometer Entfernung. Ehe ich vielleicht wieder zu zeitig bei der Unterkunft bin, gehe ich lieber heute noch dort hin. Da er genau entgegengesetzt des weiteren morgigen Weges liegt, kann ich einige Strecke von morgen sparen. Glücklicherweise konnte ich meinen großen Rucksack beim Tempelbüro zurücklassen und bin mit kleinem Gepäck los.

Au Mann, dass ist ein riesiges Gelände! Er soll einer der bedeutendsten Tempel Japans sein. Im Hondo, also dem Haupttempel steht übrigens wieder so eine riesige vergoldete Buddhastatue! Aber leider Fotografieren verboten!

Dann zurück, Rucksack abgeholt und noch 10 Minuten bis zum Hostel. Dann kam der erste Schock! Verpflegung? Nee, ist nicht! Glücklicherweise konnte ich im Hostel „Aufbrühnudeln“ kaufen, mir diese machen und glücklicherweise hatte ich auch in weiser Voraussicht meinen Spork (Mischung aus Gabel und Löffel) eingepackt. Trinkerei gab es auch zu kaufen.

Dann kam der nächste Schock! Wir sollten die nächste Unterkunft nochmals kontaktieren, dass ich auch wirklich morgen komme. Das erledigte die Chefin des Hostels für mich. Allerdings bekamen wir gesagt, dass kein Zimmer frei sei und auch keine Reservierung vorliegen würde! Oh nein! Was tun, sprach Zeus.

Neues Quartier gesucht und gefunden! Google Maps sagt: teuer! Aber ich muss mein müdes Haupt ja morgen irgendwo betten. Die bat die gute Frau, dort trotzdem anzurufen, da es bei Anruf manchmal etwas preiswerter ist. Und siehe da, Glück gehabt! Es kostet nur die Hälfte! Google weiß doch nicht alles!

Also war es heute ein Glückstag für mich. Außerdem habe ich noch etwas gelernt. Ihr erinnert euch an das Bild mit den gelben Tüten an den Bäumen? Heute habe ich einen Herrn getroffen, der genau damit beschäftigt war, diese Tüten auf die Zweige zu binden. Also, die Bäume sind Wollmispeln und die noch jungen Früchte werden durch die Tüten vor Kälte und Vögeln geschützt. So, nun wisst auch ihr Bescheid.

2 Kommentare zu „Zentsuji

  1. Hallo, du tapferer Henro-san, hast du in deinem Wandereifer ein paar Tempel überrannt? Oder zählen die Japaner anders als wir? Wie es scheint, hast du nun endlich auch eine Schönwetterphase erwischt, wobei es ja gar kein schlechtes Wetter gibt, nur verschiedene Arten von gutem. Bleib so zuversichtlich wie bisher und genieße die letzten Kilometer.

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