Sjöerüd – Skillingaryd

Heute ist ein ganz besonderer Tag. Nicht weil Himmelfahrt ist, sondern weil die Gefühle heute unterschiedlicher nicht hätten sein können.

Ich fange, wie immer, mit dem Wetter am Morgen an. Der Wetterbericht sagt: bewölkt, keine Niederschläge. Und als ich aus dem Fenster hinaus schaue ist strahlender Sonnenschein! Da geht einem das Herz auf! Leider aber nicht sehr lange. Nach 10 Minuten trübt sich der Himmel ein. Schade! Scheint der Wetterbericht also doch zu stimmen? Nee, tut er nicht! Denn als ich zum Frühstücken ins Hauptgebäude will, sind alle Himmelsschleusen auf. Regenjacke geschnappt und los.

Vorher kam aber noch ein heftiger Schreck beim Rucksackpacken. Wo sind meine Trekking-Stöcke? Die hatte ich doch gestern beim Einlauf an der Rezeption angelehnt. Habe ich die dort stehen gelassen? Na hoffentlich!

Nein, dort waren sie nicht! Und nun? Erst mal frühstücken! Dann wurden alle anwesenden Mitarbeiter befragt, aber keiner hatte sie gesehen. Schöner Mist! Da muss ich sehen, wie ich ohne die Dinger wenigstens bis Jönköping komme und dann mal weiter schauen. Neukauf oder ohne Stöcke bis Vadstena?

Dann fiel mir ein, wie mir gestern der Weg zu meiner Unterkunft beschrieben wurde. Das „Hotel“ wäre das große Gebäude und befindet sich hinter den Baracken des Rüstzeitheimes. Jedenfalls hatte ich das so aufgefasst. Als ich aber dorthin kam, war dort kein Hotel, sondern ein privater Kindergarten. Und weil es gerade wieder ganz heftig zu regnen angefangen hat, habe ich mich dort unter einem Schleppdach auf einer Sitzgelegenheit ausgeruht und abgewartet, dass der Regen nachlässt. Bei der Gelegenheit habe ich die Stöcke an den Tisch gelehnt und dann einfach vergessen.

Und was soll ich sagen? Als ich dann heute Morgen dort hinter lief, standen meine Stöcke noch da! Keiner hat sie gebraucht und mitgenommen. Gut auch, dass sie nicht sicherheitshalber unter Verschluss kamen. Ihr glaubt nicht, was mir für ein Stein vom Herzen fiel!

Dann nochmals an die Rezeption, da ich mein gestriges Abendessen noch nicht bezahlt hatte. Riesenportion Lammsteak mit Bratkartoffeln und Pastinaken, dazu Salat und Getränk. Macht zusammen? 12 Euro! Wie jetzt? Das Mädel von der Rezeption erklärte mir, wir seien doch in Schweden und nicht in Stockholm! Ich glaube, für den Preis bekommt man zuhause nicht mal eine Seniorenportion Spaghetti Bolognese.

Ja, und ob ich nicht einen Stempel haben wolle? Die Hiker hätten doch immer so ein Heft dabei. Ich kann’s kaum glauben!

Und dann um 10 Uhr ging es dann mit der Tour richtig los. Eigentlich ist das viel zu spät, aber ich sagte schon, heute drehen die Uhren anders. Ich habe heute nur 8 Kilometer Strecke zu laufen. Da bin ich pünktlich um 12 Uhr zum Mittagessen am Ziel, wenn es denn welches gäbe. Ich musste die Etappe so kurz wählen, da es keine weiteren Unterkünfte zu meinem morgigen Etappenziel gibt. Allein von hier wären es 42(+) Kilometer. Dazu kämen noch die 8 Kilometer des heutigen Tages. Ach nö! Keine Lust! Abgesehen davon, ist Skillingaryd auch der erste Ort mit Anbindung an den öffentlichen Verkehr mit Bus oder Bahn.

Aber jetzt erst mal zwei Kilometer eine Dorfstraße entlang und dann ab über die Wiese hinein in den Wald.

Und irgendwo im Nirgendwo stehen Häuser.

Keine Ahnung, wie man hier mit einem Fahrzeug herkommt und was einen treibt, in dieser Einsamkeit zu wohnen? Ich glaube ja bald nicht, dass diese Häuser, die sich durchaus in einem guten Zustand befinden, ein ständiger Wohnsitz sind. Vielleicht Wochenend- oder Ferienhäuser?

Und dann ging es wieder tief in den Wald.

Aber hoppla, was ist das für ein Schild? Militärisches Übungsgebiet! Wie bitte? Wo schickt mich denn die App hier hin? Ich hoffe mal, dass das kein Fehler ist!

Und dann sind auch noch die blauen Punkte an den Bäumen weg! Verlaufen? Ja, verlaufen! Irgendeinen Abzweig habe ich übersehen. Aber solange das GPS funktioniert und das Handy genügend Saft hat, ist das alles kein Problem.

Dafür kam ich aber wieder an schönsten Flecken der Natur vorbei. Irgendwann fand ich dann auch eine breitere Straße, die mich eine Viertelstunde später auf eine Landstraße führte. Da gab es dann den nächsten Schreck. Auch dort war ein Schild angebracht.

Lebensgefahr! Hier wird geschossen! Das könnte ja wirklich Himmelfahrt werden, sofern die mich in der oberen Etage überhaupt nehmen! Schüsse oder irgendwelche anderen Geräusche militärischer Handlungen konnte ich zum Glück nicht hören. Es ist ja Feiertag. Bestimmt auch bei der schwedischen Armee. (Am Abend klang es aber ganz anders aus dem Wald, durch den ich in die Stadt kam. Da wurde sehr wohl und heftig geballert.)

Wie gesagt, Schüsse waren keine zu hören, aber die Autobahn.

Für mich ist das immer ein kleiner Schock, wenn man so aus der Natur wieder zurück in die Zivilisation kommt.

Gleich hinter der Autobahn fängt dann auch gleich der Ort an.

Sie macht auf den ersten Blick einen gemütlichen Eindruck. Das weiße Gebäude ist übrigens die alte Sparkasse und heute ein Wohnhaus. Skillingaryd ist relativ groß, bedingt durch die Präsenz der Armee. Ja, es gibt sogar ein Armeemuseum, was aber zur Zeit geschlossen ist. Wäre sowieso nichts für mich gewesen.

Und tolle Straßennamen gibt es! Selbst Harry Potter lässt grüßen. Ansonsten alles eher unspektakulär. Bis auf das Wetter. Das reinste Aprilwetter! Sonne, Regen sanft und auch mal heftig und Wind. Die Krönung war aber der Hagelschauer. Kirschgroße Eiskörner, die da vom Himmel fielen. Bloß gut, dass ich da schon in meiner Unterkunft war und nicht draußen in der Natur. Hätte bestimmt blaue Flecken oder gar Gehirnerschütterung gegeben! Sich irgendwo unterstellen geht ja nicht.

Ach ja, und ehe ich es vergesse! Heute habe ich doch tatsächlich meinen ersten Elch gesehen! Leider nicht im Wald, sondern auf meiner Bettwäsche!

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